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Christliche Pflicht zum Widerstand?

15.03.2018 - Artikel
Diskussionsabend Widerstand und Kirche
Diskussionsabend Widerstand und Kirche© Deutsche Botschaft Hl. Stuhl

In Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Weißen Rose, deren berühmte Gründer und Mitglieder Hans und Sophie Scholl vor 75 Jahren verurteilt und getötet wurden, fand am gestrigen Mittwoch eine Diskussionsveranstaltung in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl statt. Gerhard Ludwig Kardinal Müller und Prof. Dr. Michael Kißener sprachen zum Thema „Kirche und Widerstand – Recht und Pflicht zum Widerstand im Christentum“. Geleitet wurde die Diskussion von der Journalistin Bettina Gabbe.  

Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob sich aus den christlichen Werten nicht nur ein Recht, sondern eventuell auch eine Pflicht zum Widerstand ergeben könnte. Kardinal Müller, der sich in seiner Dissertation mit Dietrich Bonhoeffer befasst hatte, betonte, dass sich Christen stets gegen Rassismus und die Missachtung der Menschenwürde einsetzen müssten. Die Schwierigkeit liege aber darin, Widerstand gegen gefühltes Unrecht zu leisten, wenn zeitgleich Millionen von Menschen vom Gegenteil überzeugt seien und ihrem Willen auf demokratischem Wege Ausdruck verliehen. Insbesondere mit Blick auf die Widerständler gegen den Nationalsozialismus kam in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Konfession der Widerständler auf. Die meisten Besucher im Publikum waren überrascht zu hören, dass die evangelischen Geschwister Scholl in den Schriften von katholischen Gelehrten wie Thomas von Aquin nach einer Rechtfertigung von Widerstand suchten und noch kurz vor ihrer Hinrichtung zum Katholizismus übertreten wollten.

Kardinal Müller
Kardinal Müller© Deutsche Botschaft Hl. Stuhl

Die beiden Diskutanten schlugen während des Abends einen Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute. Kardinal Müller, der lange Zeit als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig war und damit täglich den Lichthof durchquerte, in den die Geschwister Scholl 1943 ihre Flugblätter geworfen hatten, erinnerte das Publikum daran, dass Christenverfolgung nicht nur im 20. Jahrhundert stattfand, sondern bis heute täglich passiere. Dies lasse die Frage nach aktivem Widerstand ganz aktuell erscheinen.

Prof. Kißener dagegen blickte auf die gegenwärtige Situation in Deutschland und das „Erstarken des rechten Randes“.  Prof. Kißener kam zu dem Schluss, dass in puncto Erinnerungskultur weiterhin viel Arbeit geleistet werden müsse. In Italien sei die Zeit des Faschismus ganz anders aufgearbeitet worden. Dort habe man sich zwar auch vom faschistischen Regime abgegrenzt, aber nicht so stark wie in Deutschland. Vielmehr sei immer wieder an italienische Widerstandskämpfer und Opfer erinnert worden statt über die Taten von italienischen Faschisten zu sprechen. Auch dies dürfte ein Grund dafür sein, dass post-faschistische Gruppen wieder größeren Zulauf in Italien erfahren.  

Haben Katholiken überhaupt ein Recht zum Widerstand? Und wie sollten sie, sofern man diese Frage bejaht, heute – etwa in China oder Nordkorea – davon Gebrauch machen? Eine konkrete Handlungsempfehlung wollte keiner der beiden Gesprächspartner geben. Es sei schwierig, unterdrückten Christen vom fernen und sicheren Rom aus Ratschläge zu erteilen, ermahnte jedoch Kardinal Müller das Publikum.

Die zahlreich besuchte Veranstaltung hat einmal mehr gezeigt, wie aktuell die Befassung mit der Geschichte ist und auf welches Interesse die Themen Unterdrückung und Widerstand stoßen. Der Glaube als Antrieb für Widerstand wird dabei stets auch die Kirchen beschäftigen, auch wenn die Zeit der Diktaturen in Europa größtenteils der Vergangenheit angehört.  

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