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Zur Geschichte der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl

Palazzo Caffarelli

Palazzo Caffarelli, © n.b.

13.02.2019 - Artikel

Kaiser und Papst waren über ein Jahrtausend lang maßgebliche politische Kräfte der europäischen Geschichte. Ihre Rivalität um die politische Vorherrschaft in Europa reicht zurück bis ins früheste Mittelalter.  Spätestens seit der Reformation im 16. Jh. aber war die Vorstellung einer politischen Einheit der Christenheit zerbrochen. Auch nach der dadurch bewirkten Fragmentierung der politischen Landschaft Europas, befördert auch durch viele Religionskriege, blieb der Papst dennoch ein Machtfaktor ersten Ranges.

Einige Länder wie Frankreich fanden früh zur politischen Einheit und etablierten dann auch Ständige Vertretungen beim Heiligen Stuhl. Aus dem „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ gab es in Rom immer Vertretungen des Kaisers und einiger Landesfürsten. Von 1605 bis 1934 hielt Bayern eine eigene Vertretung aufrecht, aber ab Ende des 18. Jh.s war es die Gesandtschaft Preußens, die immer mehr die führende Rolle übernahm. Das protestantische Preußen hatte ab 1742 mit Schlesien und nach 1815 mit dem Rheinland auch katholisch geprägte Provinzen erworben; man brauchte eine Gesandtschaft, um die notwendigen Kompromisse mit dem Heiligen Stuhl auszuhandeln zu Fragen wie Bischofsernennungen, Universitäts- und Schulcurricula.

Die ersten Gesandten entstammten dem preußischen Kulturprotestantismus. Es war die Zeit Winckelmanns und Goethes und das intellektuelle Deutschland war begeistert von Kunstgeschichte und Archäologie. Wilhelm von Humboldt – auch er war dort als preußischer Gesandter eingesetzt – hat einmal die für den diplomatischen Posten in Rom notwendigen Qualifikationen wie folgt beschrieben: „Es passen dorthin nur Gesandte, die etwas von Marmor verstehen. Denn die Beziehungen der Völker untereinander, die zu beobachten und zu beeinflussen Berufsaufgabe der Diplomatie ist, werden nicht allein durch wirtschaftliche Anliegen und Machtbestrebungen der Staaten, sondern recht wesentlich auch durch die gemeinsame Kulturarbeit, durch das Wirken der geistig Schaffenden, der Dichtung und der Kunst bestimmt.“

Auf die ersten Gesandten von Uhden, Humboldt, Niebuhr und von Bunsen passte diese Beschreibung ganz genau. Auf ihre Initiative geht das heute weltweit agierende Deutsche Archäologische Institut zurück, dessen erstes Gebäude noch auf dem Kapitol zu sehen ist. Niebuhr hat damals (sehr zum Missfallen des Papstes) auch eine Evangelisch-Lutherische Gemeinde von Rom gegründet, die in der Kapelle der Preußischen Gesandtschaft begann und heute in einer Kirche in der Via Sicilia mit schönen Mosaiken aus Berliner Werkstätten ein aktives Gemeindeleben zeigt.

Als 1871 Italien auch Rom als den letzten Rest des Kirchenstaats übernahm und der Papst sich in den Vatikan zurückzog, war die Zukunft diplomatischer Beziehungen zu dem so plötzlich machtpolitisch gänzlich unwichtig gewordenen Heiligen Stuhl eine Zeit lang fraglich. Mit einigen Unterbrechungen blieb die Preußische Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl jedoch in Funktion und wurde 1920 in eine Botschaft des Deutschen Reiches umgewandelt. Der letzte Botschafter war Ernst von Weizsäcker 1943 bis zum Kriegsende.

1954 wurden diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl wieder aufgenommen. Dem waren Verhandlungen zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Dibelius, vorhergegangen, in denen ein alternierender Wechsel in der Konfession der Botschafter vereinbart wurde (die bis dahin alle evangelisch gewesen waren). An dieser Regel wird heute nicht mehr festgehalten.

Diese kurze Rückschau macht deutlich, dass die Botschaft beim Heiligen Stuhl diejenige deutsche Vertretung mit der längsten Tradition ist. Die Wahl des deutschen Kurienkardinals Joseph Ratzinger zum Papst am 19.04.2005 hat das Interesse am Heiligen Stuhl noch einmal verstärkt und besonders viele hochrangige Vertreter des Bundes und der Länder in den Vatikan reisen lassen. Benedikt XVI. kam im September 2011 zu einem offiziellen Besuch nach Deutschland.

Als Papst Benedikt XVI. am 28.02.2013 in einem historisch nahezu beispiellosen Schritt als Papst zurücktrat, blieben die Beziehungen eng und vertrauensvoll. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat seinen Nachfolger Papst Franziskus (Jorge Mario Bergoglio) mehrfach getroffen.  

Die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl sind heute vielfältig und problemfrei. Beide Seiten verbindet die Gemeinsamkeit in der Anerkennung von Grundwerten: der Menschenwürde, der Menschenrechte, der internationalen Zusammenarbeit, der Erhaltung der Schöpfung durch nachhaltiges und klimafreundliches Wirtschaften.

Und noch etwas: Neben dem Völkerrechtssubjekt „Heiliger Stuhl“ – ein Völkerrechtssubjekt sui generis – gibt es den Vatikanstaat als territorial kleinsten Staat der Welt, der dessen ungeachtet seinerseits ebenfalls ein vollgültiges Völkerrechtssubjekt darstellt. Deutschland und allen anderen Staaten unterhalten diplomatische Beziehungen aber nicht zum Vatikanstaat, sondern zum Heiligen Stuhl, der kraft interner Vereinbarung zwischen beiden auch die Außenbeziehungen für den Vatikanstaat mit seinen Organen (vor allem dem Staatssekretariat der Kurie) wahrnimmt.

 

 

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